Nikita Stampa ist bei der EU Kommission für das Thema e-Certis zuständig.

Als erster Anbieter in Österreich hat der ANKÖ das europäische Informationssystem e-Certis integriert. Europaweit können dabei Eignungsnachweise verglichen werden, die Daten kommen dabei von den Mitgliedsländern. Das hilft Unternehmen und Auftraggebern. Für Nikita Stampa, Vizeabteilungsleiter in der GD Market der EU-Kommission, ist das Informationssystem aber nur ein wichtiges Element für eine moderne Beschaffung.

27.06.2017

Als erster Anbieter in Österreich hat der ANKÖ das europäische Informationssystem e-Certis integriert. Europaweit können dabei Eignungsnachweise und Zertifikate verglichen werden - die Daten werden dabei von den Mitgliedsländern zur Verfügung gestellt und gemeldet. Das hilft Unternehmen und Auftraggebern bei Vergaben über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Österreich ist hier übrigens ein Spitzenreiter, sagt Nikita Stampa, der zuständige Vizeabteilungsleiter in der GD Market der EU-Kommission. Das Informationssystem ist dabei ein wichtiges Element für eine moderne Beschaffung.

 ANKÖ: Seit einigen Jahren arbeitet die EU-Kommission an e-Certis. Auch der ANKÖ unterstützt dieses Projekt. Wie weit ist man hier gekommen?

Nikita Stampa: e-Certis ist als Informationsplattform für Eignungsnachweise ein One-Stop-Shop sowohl für öffentliche Auftraggeber und als auch für Auftragnehmer. Es enthält Beispieldokumente und - sofern vorhanden - liefert das System Nutzern direkten Zugang zu Online-Datenbanken. Somit kann man mit e-Certis nicht nur den Digitalisierungsprozess der Vergabe in den Mitgliedsstaaten beobachten, sondern es ist auch eine Informationsquelle für Stellen, die Zertifikate für den Vergabeprozess ausstellen. e-Certis zeigt damit die Benchmarks für den Vergabeprozess in Europa. Wir rechnen daher damit, dass das System für grenzüberschreitende Transaktionen und Vergaben immer wichtiger wird: Eventuell kann das System sogar über die öffentliche Vergabe hinaus relevant werden.

 

Kann man die bisherige Entwicklung in Kennzahlen fassen? Wie lässt sich der Erfolg von e-Certis messen?

Heute umfasst e-Certis rund 1.100 Einträge über unterschiedliche in der EU verwendete Zertifikate und über 300 Eignungsnachweise der meisten Mitgliedsstaaten. Dabei sind 18 Prozent der Zertifikate online verfügbar und bei etwa 30 Prozent können Muster abgerufen werden. Diese Inhalte werden aber laufend erweitert. Die e-Certis-Informationen werden weiters auch mit der Einheitlichen Europäischen Eigenerklärung (dem European Single Procurement Document ESPD) verknüpft und e-Vergabe-Plattformen werden ebenfalls automatisch auf e-Certis verweisen. Die Kommission hat hier aktiv in die Entwicklung investiert. Der ANKÖ hat genau an so einem EU-Programm teilgenommen - dem Connecting Europe Facility-Programm -, um die Informationen österreichischen Nutzern zur Verfügung zu stellen.

 

Wie wichtig ist e-Certis für den Aufbau eines europäischen Binnenmarktes?

e-Certis ist für öffentliche Auftraggeber, die Angebote von Unternehmen aus anderen Ländern bekommen, eine wichtige Informationsquelle; und auch für Bieter, die in anderen EU-Ländern an Ausschreibungen teilnehmen möchten. Hier überzeugt vor allem die Nutzerfreundlichkeit, fast alle Informationen, die im System enthalten sind, sind in allen offiziellen EU-Sprachen verfügbar. Wir planen aber bereits eine automatische Übersetzung, um die Vollständigkeit sicher zustellen. Die Nutzung von e-Certis steigt sehr deutlich. Diese Entwicklung erwarten wir langfristig auch in Österreich.

 

e-Certis soll vereinfachen, dass Unternehmen auch im Ausland an Ausschreibungen teilnehmen: Aber wie oft kommt das vor?

Die wichtigste Quelle dafür ist eine Studie zum grenzüberschreitenden Vergabewesen, die wir vor kurzem veröffentlicht haben. Auf EU-Ebene betrug die Anzahl der grenzüberschreitenden Vergaben zwischen 2009 und 2015 in etwa 1,7 Prozent, gemessen an der Anzahl der Vergaben. Für den Auftragswert gehen wir von einem Wert von 3 Prozent aus. In Österreich haben Auftraggeber 5,7 Prozent der Ausschreibungen an Unternehmen aus anderen europäischen Ländern vergeben. Nach Wert waren es 4,8 Prozent. Gleichzeitig haben österreichische Unternehmen 5,5 Prozent ihrer Vergaben in anderen EU-Staaten erzielt. Beim Auftragswert ging es sogar um 6,5 Prozent. Beide Zahlen zeigen: Österreich ist im Vergleich zu anderen EU-Staaten klar im Spitzenfeld.

 

Und dennoch gibt es in Österreich oft Bedenken dass in euopaweiten Ausschreibungen ausländische Unternehmen die Preise drücken könnten. Wie reagieren Sie darauf?

Schauen wir uns die Fakten an. Die Mehrzahl der grenzüberschreitenden öffentlichen Vergaben werden indirekt über eigene Niederlassungen abgewickelt. Hier werden also Jobs geschaffen und Steuern abgeführt. Und das passiert in jedem EU-Land. In Österreich ist zum Beispiel das Vergabevolumen, das über Niederlassungen erzielt wird in etwa dreimal so groß, wie das Volmen der direkt EU-weit grenzüberschreitenden Aufträge. Wir sehen einen Wert von 5,2 Prozent bei direkt grenzüberschreitenden Aufträgen und 19,8 Prozent bei Aufträgen über Niederlassungen. Aufgrund höherer Transportkosten und der sprachlichen Schwierigkeiten vergeben öffentliche Auftraggeber ihre Projekte meist an inländische Unternehmen. Nur in speziellen Fällen wird grenzüberschreitend vergeben: Wenn es einen großen Unterschied beim Preis oder bei der Qualität gibt. Oder wenn keine entsprechenden Auswahlmöglichkeiten vorhanden sind. Wenn zum Beispiel keine Anbieter am Markt sind, oder wenn sehr spezialisierte Produkte und Lösungen gefragt sind.

 

e-Certis ist ebenfalls wichtiger Bestandteil der Einheitlichen Europäischen Eigenerklärung (EEE). Wir weit ist man bei diesem Projekt?

EEE wird in den Mitgliedsstaaten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten implementiert. In manchen Ländern sind diese Eigenerklärungen bereits eingeführt, so zum Beispiel in den Niederlanden, in Finnland und Dänemark.

Die Eigenerklärung ist aber nur der Baustein, um das sogenannte „once-only-Principle“ in der EU einzuführen. Das bedeutet, Unternehmen sollen nur einmal um Eignungsnachweise gebeten werden, die in der Folge in einer Datenbank gespeichert werden. So kann die EEE mit nationalen Prä-Qualifizierungssystemen verbunden werden oder zu Datenbanken, die Eignungsnachweise speichern [Die Liste geeigneter Unternehmer ist eine solche Datenbank, ANM.]. Die Einführung solcher Automatismen dauert eine Weile, wird aber den Arbeitsalltag der Akteure im Vergabeprozess maßgeblich erleichert.

 

Was sind die nächsten Schritte bei der Digitalisierung der öffentlichen Vergabe?

Das hängt stark von den Visionen und die bisherige Entwicklung jedes einzelnen Mitgliedsstaates ab. Die Digitalisierung schreitet auch in diesem Bereich rasch voran und wird diesen massiv verändern. Wir glauben, dass die vollständige elektronische Durchführung von Vergabeverfahren der Beschaffung einen Modernisierungsschub gibt. Die Digitalisierung der Daten wird es möglich machen, dass Daten bearbeitet und öfter genutzt werden. Das hat enorme Auswirkungen auf das Management und das Monitoring von Vergabeverfahren. Und mit der Integration von Themen, wie der elektronischen Bezahlung, werden öffentliche Ausgaben effizienter gemanagt.

 

Wird es von der EU weitere Informationssysteme im Vergabewesen geben?

Nein. Wir planen keine von der Kommission entwickelten Systeme zu starten. Wir bevorzugen klar einen dezentralen Zugang. Das bedeutet, Informationssysteme sollen auf nationalstaatlicher Ebene entwickelt werden. Nur so können zum Beispiel die nationalen Gesetze eingearbeitet und die Systeme in das nationale Ökosystem eingebettet werden. Gleichzeitig hat die Kommission wichtig große Projekte gefördert, die zur Digitalisierung und zur Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Mitgliedsstaaten beigetragen haben (zum Beispiel PEPPOL zur elektronischen Zustellung und Rechnungslegung). Spezifikationen, die sich aus diesen Projekten ergeben haben, werden in anderen Projekten genutzt, um Daten grenzübergreifend nutzen zu können. Die Interoperabilität zu steigern und die digitale Fragmentierung der EU auch im öffentlichen Vergabewesen zu reduzieren ist eine Priorität der Kommission.

 

Zur Person:

Nikita Stampa ist Vizeabteilungsleiter in der Abteilung „Konsumtenservice“ der GD Market der Europäischen Kommission. Diese Abteilung ist für die Implementation und die Umsetzung der Direktive für Service im Binnenmarkt zuständig. Die Direktive ist ein Eckstein der Integration der europäischen Märkte, die fast 50 Prozent des EU-weiten BIP erwirtschaften.

 

Das vollständige Interview in Englisch finden Sie hier

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